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17.06.2015

Reiteläcker ohne DHL

Kategorie: Aktuelles

Baut DHL in den Reiteläckern? Die Antwort auf die Frage zog am gestrigen Dienstagabend rund 80 Zuhörer in den Offenauer Ratssaal. (Foto: Holger Leister / Gemeinde Offenau)

Gemeinderat erklärt Werkserweiterung des Logistikers im neuen Gebiet für ungeeignet – Entscheidung über allgemeine Entwicklung der Reiteläcker am 7. Juli

Mindestens 14 Lkw-Fahrten in der Nacht zwischen 22 und 6 Uhr, das ist unzumutbar. So der Tenor der Erklärung, die Bürgermeister Michael Folk vor dem offiziellen Beginn der Gemeinderatssitzung gestrigen Abend im Namen des Gemeinderats im Sitzungssaal des Offenauer Rathauses verliest. „ Wir kamen weiterhin zu der Entscheidung, dass der Standort Reiteläcker für DHL nicht geeignet ist.“

Die Stellungnahme der Offenauer Bürgervertreter wird von den anwesenden Zuhörern mit donnerndem Applaus quittiert, vereinzelt sind sogar Bravo-Rufe zu hören. Rund 80 Besucher haben an diesem Dienstagabend den Weg in den Sitzungssaal des Rathauses gefunden. Sogar vor dem Saal auf der Treppe stehen an um 19.58 Uhr noch einige.

Die Erklärung des Ratsvorsitzenden setzt einen vorläufigen Schlusspunkt unter eine stellenweise emotional geführte Diskussion um die Werkserweiterung der im Offenauer Gewerbegebiet Talweg ansässigen Logistikriesen DHL im noch zu entwickelnden Baugebiet Reiteläcker zustande.

Verkehrszahlen Knackpunkt im Verfahren, dessen Abschluss eigentlich auf der Tagesordnung der nächsten Gemeinderatssitzung am 7. Juli stehen sollte, waren die zu erwartenden Verkehrszahlen. Werden nun 85 Lastkraftwagen pro Tag des neue DHL Werk ansteuern? Das würde unter dem Strich 170 Fahrten bedeuten, nämlich 85 hin zum Werk und 85 wieder zurück. Oder sind es insgesamt nur 85 Fahrten, die im Tagesdurchschnitt den Standort in den Reiteläckern erreichen? Die Uneinigkeit bei der Begriffsdefinition zeigte sich bei einer Bürgerinformationsveranstaltung im Rathaus am 19. Mai. Die Verwaltung bat deshalb DHL, seine Zahlen zu überprüfen.

Der Logistiker hat seine Hausaufgaben gemacht. „In der Frühschicht sind es 40 Lkw, das heißt 80 Fahrten, in der Spätschicht 35 Lkw, also 70 Fahrten und in der Nachtschicht 7 Lkw, 14 Fahrten `rein und ´rauf“, präzisiert der Leiter der Offenauer DHL-Niederlassung Frank Merkle die erwarteten Verkehrszahlen an diesem Abend. Er muss allerdings einräumen, dass DHL mögliche Sonderfahrten im Vorfeld nicht beziffern könne.

Zumutbarkeit Mit den präzisierten Verkehrszahlen arbeiten kann jedoch der von DHL beauftragte und von der Gemeinde vorgeschlagene  Lärmgutachter Uwe Zimmermann aus Haßmersheim. Als Koordinator des ganzheitlichen Offenauer Verkehrskonzepts sind ihm die Straßen- und Verkehrsverhältnisse in der Neckargemeinde vertraut.

Er erläutert die Zfahlen.Doch auch das Anwachsen der Fahrzeugmenge von derzeit 1620 auf dann 2024, darunter 10,1 % Schwerverkehr auf der K 2013, sowie einer Steigerung des Lkw-Anteils am Verkehr in der Philipp-Amsler-Straße auf dann 30,2 % ließe das Bauvorhaben der DHL nach der im deutschen Lärmrecht einschlägigen Vorgaben der sogenannten TA-Lärm nicht scheitern. „Es gibt eine Unterscheidung zwischen rechtlich zulässig und zumutbar“, wiederholt der Fachingenieur seine bereits im Rahmen der Informationsveranstaltung gemachte Aussage. „Was zumutbar ist, muss der Gemeinderat entscheiden.“

Im Fall von DHL haben sich die Offenauer Bürgervertreter entschieden. Die Entscheidung über die Entwicklung des Baugebiets Reiteläcker bleibt auf der Tagesordnung der nächsten Gemeinderatssitzung am 7.Juli. „Lassen Sie uns gemeinsam einen Weg finden für kleine und mittlere Betriebe“, lädt Bürgermeister Folk zur weiteren Bürgerbeteiligung in das Kulturforum Saline ein. Ein Beirat, gebildet aus interessierten Bürgern, solle den Planungsprozess für das Gebiet neben dem Offenauer Sportgelände im Mühlweg weiter begleiten.

Folks Dank gilt DHL für sein Bekenntnis zum Standort Offenau. „Wir müssen einen Betrieb wegschicken, der bei uns 200 Arbeitsplätze schaffen wollte.“ DHL-Area Manager Tobias Rief versteht die Absage des Offenauer Gemeinderats. „Wir möchten uns nicht dort weiterentwickeln, wo wir eine Belastung sind.“ Am Standort Offenau, wenngleich nicht zwingend an der Gemeinde, hält DHL aber fest. „Das ist für ein strategisches Geschäft, das wir weiter ausbauen möchten.“ (her)

Hintergrund:
Der starke Anstieg der Verkehrszahlen, den die Umsetzung des Bauvorhabens besonders für die Bewohner des Baugebiets Gässlesweg und entlang der K 2030 durch den Ort gebracht hätte, hatte seit der Aufstellung des Bebauungsplans für die Reiteläcker durch den Gemeinderat am 21. April für Unmut in der Neckargemeinde gesorgt. Engagierte Bürger riefen eine eigene Website unter dem Titel „Lebenswertes Offenau“ ins Leben, schrieben einen offenen Brief an Anwohner und organisierten eine Infoveranstaltung. Die initiierte Unterschriftenaktion wurde zum Selbstläufer, 1183 Unterschriften gegen die Ansiedelung des Logistikriesen dem Offenauer Bürgermeister am 11. Juni übergeben. Eine Informationsveranstaltung im Rahmen der sogenannten frühzeitigen Beteiligung der Öffentlichkeit im Rathaus Offenau am 19. Mai hatte jedoch die Frage nach der Bewertung der von DHL genannten erwarteten Verkehrszahlen aufgeworfen. Sind es nun 85 Lkw oder 85 Lkw-Fahrten, die das neue Werk in den Reiteläckern ansteuern sollen oder nicht? Auf Bitten der Gemeindeverwaltung wurden die Verkehrszahlen von DHL konkretisiert. Diese Präzisierung führte zur Erklärung der Offenauer Ratsvertreter vor dem offiziellen Beginn der Gemeinderatssitzung am 16. Juni. „Dies war der frühestmögliche Zeitpunkt, um die Öffentlichkeit zu informieren“, stellte Bürgermeister Folk fest. (her)

bearbeitet: 26.6.2015 (Hinweis von Redaktion: Fehlerteufel bei der Anzahl der Unterschriften. Die bislang hier genannte Zahl 2.092 sind dieWahlberechtigten in Offenau).